Reinhard Ader

TAGE NÄCHTE SCHATTENSPRUNG
Retrospektive zum 70. Geburtstag

Städtische Galerie Speyer
8. November 2019

Einführung: Hans-Jürgen Herschel

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Verehrte Anwesende,

im Jahr 1904 schrieb der damals zwanzigjährige Franz Kafka einen Brief an einen Freund, in dem er sich über das Lesen von Büchern äußerte. Darin heißt es - wenn man das Wort Buch überall durch Bild  und das Wort lesen überall durch betrachten ersetzt:

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bilder betrachten, die einen beißen und stechen. Wenn das Bild, das wir betrachten, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu betrachten wir dann das Bild? Damit es uns glücklich macht? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bilder hätten. (...) Wir brauchen aber die Bilder, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, (...) wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg (...), ein Bild muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Nach diesem Auswahlkriterium, das so unendlich weit entfernt liegt vom Über-das Sofa-Passen oder Spaß-haben-damit, gehören die Bilder von Reinhard Ader ganz ohne Zweifel zu denen, die man betrachten sollte, ja betrachten muss. Es sind Bilder, die kraftvoll sind und verletzlich und voller Geheimnis. Es sind Bilder eines Künstlers, der Ernst macht mit der Kunst, ohne dass dieser Ernst feierlich oder steif daherkäme. Der bewegende Ernst eines Abenteuers ist es, das Leben heißt, eines Abenteuers mit offenem Ausgang. eingespannt zwischen die Pole Welt und Ich, zwischen Ich und Du, zwischen Denken und Fühlen, zwischen Wildnis und Ordnung, zwischen Sehnsucht und Geborgenheit.

Ich muss, hat der Purrmann-Preisträger des Jahres 1990 einmal über sich gesagt, die Wahrheit der gefühlten Wahrnehmung malen - und in dieser Selbstbeschreibung Reinhard Aders hat jedes Wort Gewicht:

  • Ich muss:
    Kunst erscheint hier nicht als beliebig wählbare Freizeitbeschäftigung und angenehmer Zeitvertreib, sondern als unabweisbare existentielle Forderung an die eigene Person.
  • Ich muss malen:
    Reinhard Ader hat immer, den schöpferischen Prozess begleitend, ihm vorauseilend oder über ihn nachdenkend, sehr sensible, poetische Texte geschrieben, aber er sieht in der Malerei seine existentielle Muttersprache.
  • Ich muss die Wahrnehmung malen:
    Das Auge ist das primäre Organ des Malers, er nimmt die Welt als Bild wahr und hält diese Wahrnehmung im Malen fest, allerdings mit einer wichtigen Einschränkung - man könnte auch sagen: einer wichtigen Erweiterung:
  • Ich muss die gefühlte Wahrnehmung malen:
    Mag das Sehen auch mit dem Auge beginnen, entscheidend ist, was das Gesehene im Subjekt auslöst. Damit ist die Fessel gesprengt, die an das Wahrgenommene kettet, damit ist der Freiraum gewonnen für die Realisierung innerer Bilder. Und doch folgt daraus keine Beliebigkeit:
  • Ich muss die Wahrheit der gefühlten Wahrnehmung malen:
    Der Künstler gesteht sich nicht das Recht zu, aus der gefühlten Wahrnehmung das Angenehme, das Gefällige, das Marktkompatible auszuwählen. Er fühlt sich bedingungslos der Wahrheit verpflichtet - mag sie schmerzen, mag sie provozieren, mag sie unzeitgemäß sein.

Schon für den Malenden also, nicht erst für den Betrachtenden, muss ein Bild die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das aber bedeutet, bereit zu sein für den Schmerz, für Tage und Nächte des Kampfs mit dich anspringenden Schatten, für einen Schmerz, in den sich die Lust des Schaffens mischt, ohne ihn zu stillen. Man kann es nicht besser sagen als der Künstler selbst:

Nachts, die Taschenlampe in der Hand, starre ich auf Farbspuren, auf die Ordnungen und Unordnungen, verfolge die Spur der Farben, der Rinnsale auf der dünnen Haut der Oberfläche. (...) Welche Spuren hinterlassen die Menschen in dieser Welt aus Hitze und Kälte? Was bleibt übrig als nur eine Folie mit Farbordnungen, projiziert auf eine Wand, so rauh wie die Oberfläche der Leinwand des Gemäldes in mir?

Reinhard Ader setzt sich der Wirklichkeit aus, er verdrängt nicht, was Kleist die gebrechliche Einrichtung der Welt nennt.
Betrachten wir das Bild mit dem Titel Flügelmensch, ungeklärt. Die Raumstruktur scheint völlig aufgelöst, rechte Winkel sucht man vergebens, die Gesetze der Schwerkraft sind außer Kraft gesetzt, Flügelmensch und Schatten überlagern sich bis zur Ununterscheidbarkeit. Des metaphysischen Links Flügelmensch/Engel bedarf es gar nicht, um Verwirrung zu stiften. Schon die Orientierung im irdischen Raum ist mehr als nur ungeklärt. Auf diesen Aspekt macht der Kunsthistoriker Matthias Brück aufmerksam:

Schon im formalen Bildaufbau wird deutlich, dass Reinhard Ader jegliche eindimensionale Ordnung verneint; dass er jegliches Gefüge, von dem wir nur allzu gern annehmen, es sei der verbindliche, unverrückbare Rahmen, in dem wir uns (relativ) gesichert bewegen, nicht nur in Frage stellt, sondern ihm sogar letztlich die Basis entzieht.

Einer Version des Bildes Abends, in dem die räumliche Ordnung ebenfalls unterminiert ist, hat Reinhard Ader den Titel Fremdenzimmer gegeben. Dies provoziert eine weitreichende Deutung: Das prinzipielle Fremd-Sein des Menschen in der Welt führt dazu, dass jedes Zimmer zum Fremden-Zimmer wird - ganz unabhängig davon, ob der Mensch sich als Gast auf Erden empfindet, der der ew’gen Heimat zu wandert, oder ob er seine Existenz - mit Günther Anders - als Urlaub vom Nichts begreift.

Der Verlust der räumlichen Perspektive symbolisiert die tiefgreifende Orientierungslosigkeit des modernen Menschen. In The dark Side wird sie thematisiert. Das Bild mit dem Untertitel Hommage à Raffael zeigt eine imposante Architektur, einen riesigen Innenraum, der fast völlig menschenleer ist. Der Verweis auf Raffaels Die Schule von Athen ist unübersehbar. Dort versammelt der Renaissance-Maler die Philosophen der Antike zu einem Gruppenbild, ein eindringlicher Appell, dieser Tradition zur Re-naissance, zur Wiedergeburt zu verhelfen. Bei Reinhard Ader sind die Philosophen verschwunden, die geistesgeschichtliche Tradition ist abserviert, ja schlimmer noch: der dunkle Fleck und der Dolch im Vordergrund begründen einen Anfangsverdacht auf Mord. Die Aussage lässt sich in Anlehnung an Goya klar formulieren: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer - eine Aussage, der man sich kaum verschließen kann.  

Die genannten Bilder lassen sich verstehen als eine feinsinnige Diagnose des halt-losen Zustands der Moderne, anknüpfend an Nietzsches Metapher der von der Sonne losgeketteten Erde. Die zahlreichen Figuren, die kopfüber stürzen oder aus dem Rahmen fallen, bestätigen diesen Befund. Mit meiner Arbeit, sagt Reinhard Ader, versuche ich, existentielle Bedingungen, denen der Mensch unterworfen ist, darzustellen, zu hinterfragen, bloßzulegen.

An Bildern wie Today and Tomorrow  lässt sich das exemplarisch ablesen. Wir sehen einen nackten Mann - vielleicht ein Selbstportrait -, der auf einem toten Fisch reitet. Die Assoziation Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway stellt sich sofort ein und mit ihr der Gedanke an Captain Ahab aus Melvilles Moby Dick. Nichts anderes wird hier gezeigt als die Suche, nein: die Jagd des ausgesetzten, allen Schutzes beraubten, auf sich allein zurückgeworfenen Menschen nach dem, was man  Sinn nennen könnte, nach dem heiligen Gral, nach dem goldenen Vlies oder, ach, nach dem Sieg in der Champions League ...

Today and Tomorrow ist ein Bild wie gemalt für eine Retrospektive - und es ist tatsächlich 2019 entstanden. Welche Erkenntnis habe ich erbeutet mit den Waffen meiner Kunst, welchem “Glück” jage ich nach? Worin liegt die existentielle Erkenntnis meines Tuns? Man mag solche Fragen für indiskret halten, aber letzten Endes sind es gar nicht Fragen an den Künstler, sondern Fragen, die an den Betrachter gerichtet sind. Die Kunsthistorikerin Gisela Fiedler-Bender urteilt mit Recht: So subjektiv diese Malerei entstanden sein mag, so allgemeingültig wird sie durch die Sichtbarmachung und Bloßlegung menschlicher Befindlichkeit.

Dieses tua-res-agitur, dieses Es-geht-um-dich springt uns bei längerem Betrachten aus fast allen Bildern entgegen. Zugegeben: das ist manchmal anstrengend. Aber manche Bilder lassen einen auch entspannen. Impression Soleil levant  zum Beispiel, das an eine subtile Ikebana-Komposition erinnert und dessen Blüten auf soleil levant, die aufgehende Sonne verweisen. Ein Gedicht Reinhard Aders scheint dazu gut zu passen:

Mitten im Nichts
steht er da
ohne zu sehen,
dass die
Dunkelheit
Augen öffnet. (...)
Ohne zu sehen,
dass das Morgengrauen
im Gegenlicht der
Staubkörnchen
flimmert.

Schöne Paradoxie: Um schreiben zu können ohne zu sehen, dass das Morgengrauen (...) flimmert, muss man eben doch gesehen haben, dass das Morgengrauen im Gegenlicht der Staubkörnchen flimmert. An anderer Stelle notiert Reinhard Ader:

Der Sonnenstreifen auf dem Gemälde
macht sich gut.
Bleibt nur für kurze Zeit, gegen Abend.
Flutet und streift herein und vorbei.

Bisweilen möchte man Reinhard zurufen: Streich doch nicht alles wieder durch mit deinem radikalen und vorbei! Genügt es nicht, dass der Sonnenstreifen sich zeigte, warum sollte er ewig bleiben? Aha, scheint jetzt sein Blick zu sagen, da verlangt also doch jemand Bilder, die glücklich machen...

Tage Nächte Schattensprung hat Reinhard Ader seine Retrospektive genannt und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, hier verrate dieser seine Titel so bewusst wählende Künstler mit Absicht das Passwort seiner Kunst.

Schattensprung: das ist der immer wieder versuchte Sprung über den eigenen Schatten, getrieben von dem Wunsch, den dunklen Seiten zu entkommen,  dem Schmerz und der Angst -
Schattensprung: das ist der gewaltige Sprung des Schattens, der dich anspringt wie ein wildes Tier und dich zu zerreißen droht, die Erfahrung, überwältigt zu werden von der eigenen Finsternis -
Schattensprung: das ist der heimtückische Sprung des Schattens, der wegspringt von dir, dich schattenlos zurücklässt, um einen Teil deiner Persönlichkeit beraubt -
Schattensprung: das ist der unverhoffte Sprung im Schatten, der Riss, der sich plötzlich auftut und dich einen nie geahnten Glanz sehen lässt -

Wie das Wort Schattensprung  dank seiner Vieldeutigkeit die Rätsel der Welt und des Menschen erscheinen lässt, so locken die Bilder von Reinhard Ader in eine Welt, deren Elemente auf den ersten Blick vertraut scheinen und dann immer fremder werden. Der Maler gibt keine Antworten. Je tiefer du in seine Bilder hineingehst, umso mehr offenbaren sie sich als Frage-Zeichen, machen dich zum Grenzgänger des Verstehbaren und bleiben doch der Erde treu und ihren Abgründen.

Lieber Reinhard, zur retrospektiven Feier deines Geburtstages hast du uns keine leichte Kost serviert. Das hat auch niemand von dir erwartet, hättest du es getan, wären wir enttäuscht gewesen. Wir wissen, dass du dem allerorten grassierenden gedankenlosen Leichtsinn nicht lebensverneinende Schwermut entgegensetzen willst, sondern die Erinnerung an das wirkliche Gewicht der Welt - im Vertrauen darauf, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist und die Kraft hat, ihm neue Horizonte zu eröffnen.